Am Montag stand Claude still. Über vier Stunden lang war die KI, die ich täglich in meiner Arbeit nutze, weltweit nicht erreichbar. Anmeldefehler, Zeitüberschreitungen, Serverprobleme. Tausende Nutzer standen vor verschlossenen Türen.
Ich schreibe das offen. Wer Unternehmern empfiehlt, KI sinnvoll einzusetzen, sollte auch über ihre Schwächen sprechen.
Dieser Artikel handelt allerdings weniger vom Ausfall selbst als davon, was solche Momente über Führung, Abhängigkeit und Haltung sichtbar machen. Gerade für uns Unternehmer, die schon viele Umbrüche erlebt haben.
Was passiert ist
Die Anmeldesysteme von Claude brachen unter einem beispiellosen Nutzeransturm zusammen. Die KI-Modelle selbst liefen, betroffen waren die Systeme drumherum: Anmeldung, Sitzungsverwaltung, Lastverteilung. Ein klassischer Kaskadeneffekt. Überlast führte zu Wiederholungsversuchen, die noch mehr Überlast erzeugten.
Ausgelöst hatte den Ansturm eine Haltung.
Anthropic, das Unternehmen hinter Claude, hatte sich geweigert, seine KI für Massenüberwachung und vollautonome Waffen freizugeben. Das Pentagon stellte ein Ultimatum. Anthropic lehnte ab. Präsident Trump ordnete an, alle Bundesbehörden sollten Anthropic-Produkte abschaffen. Wenige Stunden später schloss der Konkurrent OpenAI einen eigenen Vertrag mit dem Pentagon.
Und die Nutzer? Sie kamen in Scharen zu Anthropic, aus Solidarität. Die Claude-App stand tagelang auf Platz 1 im App Store. Dieser Ansturm brachte die Server in die Knie.
So viel zum Hintergrund. Jetzt zu dem, was mich wirklich beschäftigt.
Die Abhängigkeitsfrage
Ich kenne das von meinen Klienten: gestandene Unternehmer, dreißig Jahre Erfahrung, krisenerprobt. In ihrer Branche würden sie sich niemals von einem einzigen Lieferanten abhängig machen. Sie haben Notfallpläne für ihre Logistik, für ihre Finanzierung, für ihre Schlüsselleute.
Bei KI sind viele froh, überhaupt ein Werkzeug zu beherrschen. Dann wird Claude oder ChatGPT zum einzigen digitalen Sparringspartner, und wenn der ausfällt, steht die Arbeit still.
Der Montag hat das sichtbar gemacht. Die Frage, die sich daraus ergibt, ist eine Führungsfrage:
Wo in deinem Unternehmen bist du abhängiger geworden, als du es in der analogen Welt jemals zugelassen hättest?
Das betrifft KI genauso wie Cloud-Dienste, Software-Plattformen und digitale Infrastruktur insgesamt. Wir übernehmen neue Werkzeuge oft schneller, als wir über die Abhängigkeiten nachdenken, die sie mit sich bringen.
Mein Impuls: Behandle deine KI-Werkzeuge mit derselben strategischen Nüchternheit wie jeden anderen Lieferanten. Kenne Alternativen. Verstehe, was passiert, wenn ein Werkzeug wegfällt. Und behalte dein Urteil bei dir.
Die Haltungsfrage: 200 Millionen Dollar gegen die eigene Integrität
Am meisten beschäftigt mich an dieser Geschichte eine zutiefst menschliche Frage.
Anthropic-Chef Dario Amodei stand vor einer Entscheidung, die jeder Unternehmer kennt, nur in extremer Verdichtung. Einen Vertrag über 200 Millionen Dollar riskieren, weil zwei konkrete Punkte für ihn nicht verhandelbar sind. Oder nachgeben, den Vertrag behalten und damit leben, dass die eigene Technologie womöglich für etwas eingesetzt wird, das den eigenen Werten widerspricht.
Idealisieren will ich Anthropic dabei nicht. Jedes Unternehmen verfolgt auch wirtschaftliche Interessen, und eine öffentlich bezogene Haltung ist immer auch Positionierung. Das gehört zur ehrlichen Betrachtung.
Die Struktur dieser Entscheidung ist mir vertraut. Ich begegne ihr in meinen Coachings ständig. Der Unternehmer, der seinen größten Kunden verlieren könnte, weil er Bedingungen nicht mehr akzeptieren will, die ihn innerlich auffressen. Die Führungskraft, die weiß, dass der bequeme Weg der falsche ist, und trotzdem zögert, weil die Folgen real sind. Der Solopreneur, der sich fragt, ob er sich Integrität leisten kann.
Die Antwort, die ich in dreißig Jahren Selbstständigkeit gelernt habe: Du kannst es dir nicht leisten, sie dir nicht zu leisten.
Haltung zeigt sich genau dann, wenn sie etwas kostet. Und Menschen spüren das, Kunden, Mitarbeitende, Partner. Die Nutzer, die nach Anthropics Entscheidung zur Claude-App strömten, haben es bestätigt: Haltung schafft Vertrauen. Langsam und ohne Garantie, aber nachhaltig.
Mein Impuls: Frag dich, wo du in deinem Unternehmen gerade Kompromisse machst, die sich pragmatisch anfühlen, aber an deiner Substanz nagen. Viele Kompromisse sind klug. Nur ist die Grenze zwischen kluger Flexibilität und schleichendem Werteverlust selten klar markiert.
Die Unsicherheitsfrage: Führen, wenn sich der Boden bewegt
Was mich an den Ereignissen der letzten Woche am meisten beunruhigt, ist die Geschwindigkeit, mit der sich die Rahmenbedingungen verändern.
Vor einer Woche hatte Anthropic einen sicheren Vertrag mit dem Pentagon. Heute gilt das Unternehmen als „Lieferkettenrisiko“. Vor einer Woche war OpenAI der Konkurrent, der mit dem Militär wenig zu tun hatte. Heute hat OpenAI den Pentagon-Vertrag. Vor einer Woche lief Claude stabil. Am Montag nicht mehr.
Kein Unternehmer kann heute sicher wissen, welches KI-Werkzeug in einem Jahr noch existiert. Welche Regeln dann gelten. Ob ein politischer Konflikt am anderen Ende der Welt seine digitale Infrastruktur trifft. Ob die EU mit der KI-Verordnung Maßstäbe setzt, die weltweit gelten, oder solche, die nur in Europa zählen, während die mächtigsten KI-Systeme nach ganz anderen Regeln spielen.
Diese Unsicherheit ist unangenehm. Und sie ist die Wirklichkeit, in der wir führen.
Hier sehe ich eine Fähigkeit, die viele meiner Klienten unterschätzen: handlungsfähig zu bleiben, ohne alles zu wissen. Wach, informiert und bereit, die eigene Strategie anzupassen, wenn sich die Welt verändert. Jenseits von Angst und jenseits der Illusion, dass schon alles gutgehen wird.
Das ist Führungsreife.
Mein Impuls: Warte nicht auf den Moment, in dem du KI „verstanden“ hast. Dieser Moment kommt nicht. Lerne laufend. Bleib neugierig. Und triff Entscheidungen, die du heute verantworten kannst, im Wissen, dass du sie morgen vielleicht anpassen musst.
Was ich mir wünsche
Ich bin überzeugt, wir brauchen weltweite, unabhängige Ethik-Regeln für KI. Unabhängig von jeder einzelnen Regierung, und unabhängig von jedem einzelnen Unternehmen, so gut dessen Absichten auch klingen.
Wenn ein einzelner Präsident per Dekret entscheiden kann, welches Unternehmen KI für Waffen liefern darf, leben wir in einer machtbasierten Ordnung statt in einer wertebasierten. Dann sind wir alle, Bürger, Unternehmer, Gesellschaften, abhängig von Entscheidungen, auf die wir keinen Einfluss haben.
Als Unternehmer können wir die Weltpolitik nicht steuern. In unserem eigenen Wirkungskreis können wir vorangehen: informiert entscheiden, Abhängigkeiten bewusst gestalten und eine Haltung einnehmen, die über den nächsten Quartalsbericht hinausreicht.
Eine ehrliche Anmerkung zum Schluss
Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von Claude recherchiert und formuliert. Ich erwähne das, weil es zum Kern der Geschichte gehört. Ich arbeite täglich mit einem Werkzeug, das gerade ausgefallen ist, von einem Unternehmen, das gerade in einen geopolitischen Sturm geraten ist, und schreibe trotzdem darüber, weil ich an seine Nützlichkeit glaube.
Darin liegt ein Widerspruch, und ich halte ihn aus. Für mich gehört das zum Erwachsensein.
Die Welt ist zu komplex für einfache Lager. Eine klare Haltung ist trotzdem möglich.




